Interview
Sebastian Hennigs –
Naturfotograf aus Berlin
„Wenn ich unterwegs bin, sind meine Blicke immer auf den Boden oder an den Himmel gerichtet. Sich mit mir bei einem Spaziergang unterhalten zu wollen, kann sehr anstrengend sein. Ich bin immer auf der Suche nach interessanten Funden.“

Kontakt

Sebastian Hennigs
Berliner Allee 191
13088 Berlin

B ereits im Alter von 16 Jahren erhielt Sebastian Hennigs die erste Auszeichnung für seine Fotoaufnahmen. Das Preisgeld von 1000 D-Mark investierte er in seine Leidenschaft: Die Naturfotografie. Es folgte eine Ausbildung zum Fotografen und das Studium der Geowissenschaften, und so wurde aus einem Hobby ein Beruf. Heute zieren seine Aufnahmen zahlreiche Bücher und Magazine. Was ihn auszeichnet, ist nicht nur die hohe Qualität seiner Bilder, sondern auch das große Wissen über die Flora und Fauna, die seit frühester Kindheit ein wichtiger Bestandteil seines Lebens ist.

Interview
Was meinen Sie, woher stammt Ihre Faszination für die Natur und die Fotografie? Gab es jemanden der Sie geprägt hat?
Ich habe mich schon frühzeitig für die Natur interessiert. Bereits im Alter von zehn Jahren war ich in der Kindergruppe des NABU (damals noch Deutscher Bund für Vogelschutz – DBV) aktiv und habe dort viel über Tiere und Pflanzen gelernt. Wir haben viele Dinge gemacht: Nistkästen gereinigt, Krötenschutzzäune betreut und Ausflüge in Moore oder zur Vogelbeobachtung in die Niederlande unternommen. Schon relativ schnell habe ich damit begonnen, meine Erlebnisse zu dokumentieren. Mit zwölf Jahren bekam ich meine erste Kamera zu Weihnachten, die war natürlich noch analog.
Wenn Sie an Ihre ersten Foto-Touren zurückdenken, was würden Sie Ihrem damaligen Ich heute als erfahrener Profi raten?
Das, was ich jedem empfehlen würde, der sich für Naturfotografie interessiert: Als Erstes sollte man einfach nur die Natur beobachten, verschiedene Tiere kennenlernen und an seiner Artenkenntnis arbeiten. Nur wenn man seine Motive kennt, kann man diese meiner Meinung auch gut und ansprechend auf Bildern in Szene setzen. Wichtig ist auch, sich in Geduld zu üben und nie aufhören neugierig zu sein. Vor allem sollte man auch keine Angst haben, andere Menschen um Rat oder Hilfe zu fragen. Viele Dinge, die ich bereits fotografiert habe, verdanke ich auch Freunden und Kollegen.
Im Oktober 2018 erschien Ihr Buch „Explosives Erbe: Natur und Artenvielfalt auf alten Truppenübungsplätzen“ – erzählen Sie uns doch bitte etwas darüber: Wie naturreich dürfen wir uns diese nahezu unberührten Gebiete vorstellen, welche seltenen Tierarten siedelten sich dort an und wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?
Mein Buch über ostdeutsche Truppenübungsplätze ist schon ein Meilenstein in meinem Leben gewesen. Ich bin froh, dass der Knesebeck-Verlag mir geholfen hat, das Buch zu veröffentlichen und bin auch stolz auf das Vorwort von Prof. Dr. Michael Succow. In dem Projekt stecken Bilder, die ich über einen Zeitraum von rund zehn Jahren gemacht habe. Ich war dafür unzählige Stunden auf sandigen, teilweise nur schwer zugänglichen Truppenübungsplätzen unterwegs, die sich nach dem Abzug der Sowjetarmee 1994 zu riesigen Wildnisgebieten entwickelt haben und auch aktuell noch tun. Wolf, Elch, Smaragdeidechse und Wiedehopf kann man dort finden. Besonders im Spätsommer, wenn die Heide blüht, ist die Insektenwelt dort einfach nur begeisternd.
Wie können wir uns Ihren Arbeitstag als Naturfotograf vorstellen? Gehört Tarnkleidung zu Ihrem Equipment?
Das ist eigentlich nicht sehr aufregend. Es ist eh nicht so, dass man jeden Tag durch die Wildnis zieht. Viel Zeit geht für die Planung und das Erkunden drauf. Sehr viel bin ich auch am Computer, um die Bilder zu bearbeiten, Artikel zu den Bildern zu schreiben und mich um die Vermarktung zu kümmern. Besondere Tarnung ist für viele meiner Motive nicht nötig. Lediglich eine ruhige und respektvolle Verhaltensweise. Man muss immer bedenken, dass man eigentlich nur Gast in der Natur ist.
Können Sie überhaupt noch unbeschwert durch die Natur spazieren oder sucht das Auge ständig neue Motive?
Nein, das geht eigentlich gar nicht mehr! Wenn ich unterwegs bin, sind meine Blicke immer auf den Boden oder an den Himmel gerichtet. Sich mit mir bei einem Spaziergang unterhalten zu wollen, kann sehr anstrengend sein. Ich bin immer auf der Suche nach interessanten Funden. Leider habe ich die suchenden Blicke auch beim Autofahren, was dann für meine Familie nicht so lustig ist.
Gibt es eine Tierart, die Sie unbedingt noch vor die Linse bekommen möchten?
Es gibt viele Arten, die ich mal gerne fotografieren würde, meist scheitert es nur an zu wenig Zeit. Eine besonders schöne Art ist der Alpenbock, den man an ein paar Stellen in Süddeutschland noch finden kann. Es handelt sich dabei um sehr beeindruckende, blaugraue Käfer, die gerne in alten Buchenwäldern leben. Ich denke, ihn zu fotografieren werde ich für 2021 auf die To-Do-Liste schreiben. Ansonsten gibt es auch einige besonders seltene Heuschrecken- oder Orchideenarten, die von anderen Fotografen gar nicht beachtet werden würden. Langweilig wird es mir fotografisch nie.

„Überraschungsgäste gibt es immer wieder. Selten sind das aber besonders tolle Begegnungen.“

Sie leben nun seit einiger Zeit in Berlin – wie viel Wildlife steckt in der Hauptstadt?
Berlin ist von der Natur her eine besondere Stadt. Besonders die Wildschweine, Füchse und Habichte hier haben unter Naturfotografen einen besonderen Ruf. Selbst aus England kommen Fotografen und Vogelbeobachter nach Berlin, um unsere Stadthabichte auf den innerstädtischen Friedhöfen und Parkanlagen zu beobachten und zu fotografieren. Auch wenn es mich öfter ins Umland nach Brandenburg zieht, wo man einfach mehr Ruhe hat, genieße ich auch die Touren durch Berlin. Zuletzt habe ich mich fotografisch mal wieder etwas mit Gottesanbeterinnen auf den alten Bahnhofsbrachen in Berlin beschäftigt.
Sind Sie während Ihrer Arbeit schon mal in gefährliche Situationen geraten?
Man könnte meinen, dass es auf den Truppenübungsplätzen besonders gefährlich ist. Zwar sind viele Bereiche noch mit alter Munition und Blindgängern verseucht, aber ich behaupte immer, dass es im Berliner Straßenverkehr viel gefährlicher für mich ist. Da ich mehr in Mitteleuropa und nicht in den Tropen unterwegs bin, kann man wohl behaupten dass das Gefährlichste bei meiner Arbeit Krankheiten wie Borreliose sind, die man sich über Zecken einfangen kann.
Kam es während Ihrer Aufnahmen schon zu tierischen Überraschungsgästen?
Überraschungsgäste gibt es immer wieder. Selten sind das aber besonders tolle Begegnungen. Meist sind es nur Horden von Ameisen, Schwärme von Mücken und die für mich besonders unangenehmen Hirschlausfliegen, die einen dann überraschen, wenn man zu lange an einem Ort auf ein Motiv wartet. Es kommt aber häufig vor, dass ich mit ganz anderen Motiven nach Hause komme, als ich es vorher geplant habe.
Zum Abschluss bitten wir unsere Interviewpartner um ein besonderes Naturparadies, das man sich ihrer Meinung nach unbedingt mal anschauen sollte. Hätten Sie eins für unsere Leser parat?
Besondere Naturparadiese gibt es in Berlin und Brandenburg sehr zahlreich. In Berlin war ich in letzter Zeit gerne im Biesenhorster Sand in Berlin-Lichtenberg unterwegs. Wer gerne etwas raus möchte aus Berlin, dem würde ich die Döberitzer Heide am westlichen Stadtrand ans Herz legen. Hier hat die Heinz Sielmann Stiftung eine tolle Naturlandschaft in ihrer Obhut. In der Wildniskernzone, die man auf einem Rundweg umwandern kann, leben sogar Wisente, die man manchmal zu Gesicht bekommt. Jetzt zur Heideblüte kann ich auch die Reicherskreuzer Heide im Naturpark Schlaubetal sehr empfehlen und im Herbst dann die tollen Buchenwälder in der Uckermark, wie z.B. das UNESCO Weltnaturerbe Grumsin.

Fotos: Sebastian Hennigs
Wir bedanken uns vielmals bei Sebastian Hennigs für das ehrliche Gespräch sowie die fantastischen Bilder und wünschen weiterhin alles Gute für die Zukunft!

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