Interview
Jan-Uwe Riest –
Betreiber des Gut Boltenhofs
„Wenn sich der Koch nach seiner Arbeit die Angel schnappt und der gefangene Fisch am nächsten Mittag auf dem Tisch liegt, das ist doch toll, da freuen wir uns wie Bolle.“

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Gut Boltenhof
Lindenallee 14
16798 Boltenhof

Das Gut Boltenhof inmitten der Ruppiner Seenlandschaft galt lange Zeit als absoluter Geheimtipp. Heute ist es eine der Top-Adressen, wenn es um Entschleunigung, gutes Essen und ländliche Idylle geht. Auf dem 3,5 Hektar großen Hof des Betreiber-Paars Andrea und Jan-Uwe Riest wird den Besuchern kein beschauliches Dorfleben vorgegaukelt, sondern tatsächlich gelebt. Hier wird tagtäglich angepackt und all jenes, das später mal auf dem Teller landet, mit Sorgfalt und Respekt behandelt. Während Mama und Papa im Wintergarten die Seele baumeln lassen, können die Kleinsten beim Füttern der Tiere helfen, auf dem Hof rumräubern oder bei der Stallarbeit helfen. Hier findet echte Landwirtschaft statt – mit all ihren Geräuschen und Gerüchen. Ein Aufenthalt auf dem Gut Boltenhof kann mit exquisitem Essen oder matschigen Gummistiefeln erlebt werden. Ganz gleich, für was man sich entscheidet, es wird gut sein. Urlaub, der bitte nie wieder enden soll.

Interview
Wir – und viele unserer Leser – sind Großstädter. Wie schafft es der Gut Boltenhof, uns gestresste Großstädter zu entschleunigen und wie ländlich ist es bei Ihnen?
Wir haben eine “Zeitenschleuse“. Das ist eine 300 Meter lange Lindenallee, die man durchfahren muss um uns zu erreichen. Am Ende dieser Allee befindet sich das kleine Dorf Boltenhof und das Gut. Wir verfolgen die Idee, dass wir alle Gäste einladen an unserem Gutshof-Leben teilzuhaben. Und das besteht nun mal daraus, dass hier der Landwirt mit seinem Traktor langfährt, dass die Gänse getrieben und die Schweine gefüttert werden, unser Hof-Schreiner in der Werkstatt zimmert, der Metzger die Wurst macht und der Gärtner im Park die Blumen versorgt. Wir spielen unseren Gästen keinen ländlichen Gutshof vor, sondern tun alles dafür, dass der Hof und alle Akteure versorgt sind. Eine Entschleunigung ist es auch, wenn bis zu 30 Kinder über den Hof rennen und ihn für sich entdecken. Sie können die Tiere beobachten, auf unserer Platte spielen, oder jede Menge über die Natur bei den Workshops unserer Kräuterfrau lernen.
Welche Geschichte hat das Gut Boltenhof und in welchem Zustand befand es sich, als Sie es übernommen haben?
Wir und der Hof hatten das Glück, dass er immer etwas zu klein und zu weit weg für diejenigen war, die damit Großes angestellt hätten. Zu DDR-Zeiten zum Beispiel wurde das Gut dem Gut überlassen, ohne dass es groß saniert, oder Wohnraum installiert wurde. Dementsprechend war auch der Zustand als meine Eltern 1996 hierherkamen. Es war alles eine große Sandbrache mit einem stark zerfallenen Gebäude und einer sehr schlechten Struktur. Mein Vater sah in dem Gut nicht den wirtschaftlichen Faktor, sondern achtete vielmehr darauf, dass er Spaß und Freude an dem Projekt hatte. Vor sechs Jahren waren meine Frau und ich dann in der Situation, dass wir das Gut – wie man so schön sagt – für ‘n Appel und ’n Ei verhökern oder den Mut finden und sich dem wunderbaren Ort anzunehmen – was wir dann gemacht haben. Dementsprechend haben wir auch die Positionierung, die Zielgruppen und die Programmierung des Hofes ganz neu aufgesetzt.
Durch den Generationswechsel haben sich dann also die Schwerpunkte geändert?
Genau. Wir sind uns bewusst geworden, dass dieses Gut eine soziale, kulturelle und nachhaltige Verantwortung zu übernehmen hat, wie es früher war. Unser Ansatz ist, das Gut wieder zu einer in sich funktionierenden Kreislaufwirtschaft zu machen. Ich glaube, da unterscheidet man sich dann vielleicht von einigen anderen Investoren, die sich in Brandenburg Güter annehmen. Uns geht es nicht um eine Entwicklung des Wertes, sondern vielmehr um eine Werte-Entwicklung. Dadurch, dass wir selbst mit unserer Familie und den Freunden, die wir auf dem Gut gewonnen haben, leben, ist unsere oberste Prämisse, einen liebens- und lebenswerten Ort aufzubauen, an dem unsere Gäste, unsere Mitarbeiter und Volontäre ein gutes Leben führen können. Dadurch verzichten wir bewusst auf die ein oder anderen Umsätze. Wenn es uns um den Wert gehen würde, hätten wir ganz andere Hebel, die wir ansetzen könnten. Dann würden wir hieraus einfach eine Wedding-Location machen. Aber das würde dem Gut nicht gerecht werden.
Gab es Herausforderungen mit den ansässigen Dorfbewohnern, die Sie erst einmal kritisch beäugt haben oder kam das Miteinander schnell zustande?
Wie auch in einer Großstadt haben wir die Erfahrung gemacht, dass es immer 30% Prozent gibt, die Neues in der Nachbarschaft begrüßen, 50% sind neutral und 20% haben etwas dagegen. Und das ist hier nicht anders. Es ist etwas unverblümter, aber dann weiß man immerhin, woran man ist. Man respektiert sich und geht gut miteinander um, aber wir haben gelernt, dass es für alle Beteiligten das Beste ist, wenn wir uns auf das Gutshof-Leben konzentrieren und das, was innerhalb der Gutshof-Mauern passiert. Wir führen weiterhin ein offenes Gut und nehmen keinen Eintritt für unsere Streichelzoos zum Beispiel. Jeder ist herzlich eingeladen, hierherzukommen und Kaffee zu trinken, oder etwas zu essen.
In den letzten Jahren erlebten Themen wie Nachhaltigkeit, Regionalität und bewusste Ernährung einen großen Wandel. Wie wichtig sind Ihnen diese Punkte?
Sehr wichtig. Durch unsere beschränkten Ressourcen müssen wir achtsam mit dem umgehen, was wir haben. In der Landwirtschaft zum Beispiel haben wir unseren Tierbestand nur darauf ausgerichtet, dass es das Gut mit seinen Akteuren versorgt. Wir haben acht Mutterkühe, die uns jedes Jahr 8 Kälbchen schenken und die wir verwerten können. Wir haben zwei Muttersäue und im nächsten Jahr 30 Mastschweine, die wir hier brauchen. Und wir haben 300 Gänse, die im Restaurant verarbeitet werden. Mit unserem Gärtner haben wir das Glück, dass er sehr viele Kräuter zur Verfügung stellt. Außerdem haben wir ein großartiges Netzwerk mit unseren regionalen Partnern aufgebaut.

Ich denke ein gutes Zeichen dafür, dass der Ansatz den wir umsetzen möchten ganz erfolgreich ist, sind auch unsere Köche Bijan Zintel, Halfdan Kluften und André Göldner, die ursprünglich aus der Berliner Sterneküche kommen und jetzt bei uns sind, weil sie hier ein Gleichgewicht mit dem Arbeitsleben und ihrer Freizeit gefunden haben. Wenn sich der Koch nach seiner Arbeit die Angel schnappt und der gefangene Fisch am nächsten Mittag auf dem Tisch liegt, das ist doch toll, da freuen wir uns wie Bolle.
„Durch unsere beschränkten Ressourcen müssen wir achtsam mit dem umgehen, was wir haben.“
Wir unterstellen einem engagierten Betreiber-Paar wie Ihnen, dass Sie bereits neue Pläne für die Zukunft Ihres Guts geschmiedet haben. Lassen Sie uns an Ihren Plänen teilhaben – was kommt als nächstes?
Unsere Bestregungen gehen weiterhin in die Richtung, dass wir auf unserem Gutshof einen lebens- und liebenswerten Ort für Jung und Alt schaffen möchten und ein in sich geschlossener Kreislauf werden. Dazu könnte unter anderem eine Kinderbetreuung zählen, so wie die Unterstützung hilfsbedürftiger Menschen. Außerdem möchten wir weiter ausbauen. Aus einem kleinen Stall entsteht in den nächsten Monaten ein Backhaus mit angeschlossenem Seminarraum, in dem Brot gebacken wird. Der nächst größere Stall könnte als Co-Living genutzt werden. Bedeutet Unternehmen/Start-Ups mieten sich für einen definierten Zeitraum eine Wohnung, in der sie unter der Woche arbeiten und die Wochenenden zum Austausch mit den Mitarbeitern nutzen können. Des Weiteren planen wir die Direktvermarktung unserer Landwirtschaft. Dazu zählt ein Online-Shop in dem wir einen bestimmten Anteil der zu verwertenden Tiere im Vorfeld vermarkten und sich die Leute das Fleisch vor Ort abholen und genau erfahren wie das Tier gelebt und geschlachtet wurde. Das nächste große Projekt das in den Startlöchern steht, ist die Eröffnung des Restaurants und der Bar im September 2020. Darauf freuen wir uns schon sehr.
Haben Sie persönlich einen Lieblingsplatz auf Ihrem Gut?
Ja, die Gutshaustreppe mit der man auf die Gutshausallee schaut. Die finde ich großartig. Dort kann man sich fallen lassen und in Gedanken versinken.
Da Naturparadiese eines unserer Steckenpferde sind, möchten wir Sie abschließend nach einer echten Naturschönheit aus Ihrer Region befragen, die man sich während des Aufenthalts auf dem Gut Boltenhof anschauen sollte?
Knapp zwei Kilometer von uns entfernt haben wir den Haussee in Barsdorf, das ist ein wunderschöner Badesee. Wir haben eine ganz fantastische Natur mit Wäldern und Seen um uns herum, die alle entdeckt werden wollen. Oft sind es aber auch die Details. Das können Blumenbeete sein, an denen jede Menge Schmetterlinge und Bienen herumschwirren, die Wildkräuter oder unsere kleinen Kaninchen. Wer mit wachsamem Auge über das Gut läuft, der findet ganz viele kleine Dinge, über die man sich erfreuen kann.

Wir bedanken uns vielmals bei Jan-Uwe Riest für das aufschlussreiche Gespräch und wünschen weiterhin alles Gute für die Zukunft!

Ein Gedanke zu „Jan-Uwe Riest – Betreiber des Gut Boltenhofs | Interview“

  1. Wir haben bei unserem leider nur ganz kurzen zufälligen Aufenthalt es genau so erlebt, wie es beschrieben ist. Man spürt die Liebe zum Detail an allen Ecken. Ein sehr authentischer, ehrlicher Ort, der auf wunderbare Weise tatsächlich in allerkürzester Zeit entschleunigend wirkt. Familie Riest hat etwas wirklich Wunderbares geschaffen.

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