EIN GESPRÄCH MIT EINEM LAUBENPIEPER, DER EIGENTLICH KEINER SEIN WOLLTE

„Ich kaufe sehr viel weniger Gemüse, obwohl ich mehr davon esse. Manchmal weiß ich gar nicht wohin mit meiner Ernte.“

Hätte man Frank vor 20 Jahren gesagt, dass er eines Tages regelmäßig seinen Boden nach dem pH-Wert überprüft um ihn gegebenenfalls zu kalken, da sich ansonsten unerwünschtes Moos vor seinem Froschteich entwickelt, hätte er nur müde gelacht. „Ich und ein Laubenpieper? Nie im Leben!“. Heute treffen wir ihn in laubgrünen Crocs und sandverschmierten Händen. „Ich stelle nur noch schnell den Rasensprenger an und dann bin ich da“ murmelt er und verschwindet wieder hinter seinem offensichtlich selbstgezimmerten Schuppenhaus. Frank ist Ur-Berliner aus Charlottenburg und seit seinem 16. Lebensjahr Handwerker mit Laib und Seele. Er ist einer von rund vier Millionen Kleingärtnern in Deutschland, die sich den Wunsch von einem Rückzugsort in der Natur erfüllt haben. Wir haben uns mit ihm über seine „kleine Farm“ unterhalten, wie er seine Königin fand und warum ihn seine Arbeitskollegen mit den Häusern am Speckgürtel beneiden.
Interview

Wie kamst du zu deinem Kleingarten?

Wie sagt man so schön, „wie die Jungfrau zum Kind“?! Laubenpieper habe ich früher etwas belächelt. Penible Gartenfuzzis, die ihren Rasen mit der Schere schneiden und den Nachbarn verpfeifen, weil die Hecke 5 cm über die gesetzliche Höhe gewachsen ist. Doch mit der Geburt meiner ersten Tochter war mir klar, dass ich einen dauerhaften Rückzugsort in der Natur für sie brauche, in der sie sich mit Matsch beschmieren kann und auf Bäume klettern kann. Unsere Wohnung war glücklicherweise groß genug und an den Stadtrand zog es mich als Charlottenburger einfach nicht. Nach genau 4 Jahren auf der Warteliste einer Kleingartenanlage klingelte dann das Telefon und dann gings ganz schnell.

Hast du das jemals bereut?

Auf keinen Fall. Das ist hier jetzt unser zweites Zuhause, unser Urlaubsort und Ruheoase. Es gibt immer etwas zu tun und das ist sehr wichtig, vor allem wenn man älter wird. Ihr glaubt gar nicht wie fit meine Nachbarin ist. Die gute Dame ist mittlerweile über 90 Jahre alt und kraucht bei Wind und Wetter mit der Harke durch ihr Gemüsebeet.

Wie reagiert dein Umfeld auf deinen Garten? Bist du jetzt der „penible Fuzzi“ in deinem Freundeskreis?

Wenn mich Arbeitskollegen oder Freunde besuchen, möchten sie sich als erstes umschauen, was ich schon wieder gebaut habe oder welches Gemüse aktuell am besten wächst. Die staunen immer nicht schlecht über meine Ernte, vor allem wenn ich ihnen am Ende noch volle Tüten mit Tomaten und Zucchini mitgebe – das kann ich alleine gar nicht alles essen. Die meisten wohnen mittlerweile in Einfamilienhäuser am Stadtrand für horrende Summen und haben nicht halb soviel Gartenfläche wie ich hier in meiner Datsche für die ich jährlich eine niedrige 3-stellige Pacht zahle, das bekommt man schon oft zu hören. Das Bild gegenüber Kleingärtnern hat sich stark verändert. Vor allem jetzt, wo sie die Innenstadt immer weiter mit Wohnflächen zupflastern und kein Platz mehr für Grün ist.

Gibt es etwas, mit dem du nicht gerechnet hast, als du dich für einen Garten entschieden hast?

So eine Kleingartenanlage ist ein echtes Biotop! In meinem Teich leben Frösche und Blindschleichen, in den Hecken brüten Meisen und das Insektenhotel ist immer ausgebucht. Es ist verrückt, wie viel Lebensraum auf so einem kleinen Grünstück entsteht. Meine bunte Wildblumenwiese wurde schon häufig von vorbeilaufenden Besuchern fotografiert. Das war mal eine trostlose Fläche, auf der ich einfach ein paar Tütchen mit Samen verstreut habe. Jetzt flattern hier Schmetterlinge und die Bienen aus dem Nachbargarten futtern sich voll. Der ist Imker und seine Bienenkönigin schaut hier manchmal vorbei wenn sie zu ihrem Hochzeitsflug ansetzt.

Was hat sich seit der Anschaffung deines Gartens für dich verändert?

Ich kaufe sehr viel weniger Gemüse, obwohl ich mehr davon esse. Manchmal weiß ich gar nicht wohin mit meiner Ernte und verschenke regelmäßig große Mengen an Familie und Freunde. Ich gehe mit Lebensmitteln bewusster um, da ich sehe welche Arbeit hinter der Aufzucht steckt.

Noch einen abschließenden Tipp für angehende Laubenpieper, die sich gerade einen Garten angeschafft haben?

Eine Kräuterspirale! Das ist total einfach. Anleitungen findet man im Internet, alles was man braucht sind Steine und Sand. Nachdem es dann mal so richtig geregnet hat, pflanzt man vorgezogene Kräuter in die Erde. Ich habe unter anderem Basilikum, Oregano, Koriander und Lavendel. Das Zeug wächst wie verrückt und kommt jedes Jahr wieder. Aus den Kräutern mache ich Öle, trockne sie oder nutze sie für Tee.

Unsere obligatorische Schlussfrage: Welcher Ort in der Berliner Natur macht dich glücklich und warum ist er für dich so besonders?

Wenn man die Sandgrube im Grunewald hinunter läuft, kommt man zu einem kleinen See. Bei meinen Radtouren halte ich dort oft an und genieße diese absolute Ruhe, beobachte Eidechsen am Ufer und schaue auf die wilde Natur hinter dem See, der für uns Menschen nicht betretbar ist. Das fühlt sich immer nach Kurzurlaub an.